Ein Hagelschlag und seine Folgen…

Ein kurzer Hagelschlag wie er in den vergangenen Wochen in mehreren Gebieten Südtirols beobachtbar war und schon sind die unzähligen Arbeitsstunden und Mühen des Landwirts zerstört. Die Äpfel können im besten Fall nur mehr für Most verwendet werden, die Trauben sind von den herabfallenden Hagelkernen zerschellt worden. So mancher wird sich dann denken: Der Landwirt meldet den Schaden bei seiner Versicherung, diese deckt den ganzen Schaden und alles ist gut. Doch dem ist bei weitem nicht so…

Jeder und jede in Südtirol kennt mindestens eine Person aus dem Bekanntenkreis, die zumindest für eine bestimmte Zeit im Jahr direkt oder indirekt in einer oder für eine Obstgenossenschaft arbeitet. Egal ob die vielen Helferinnen und Helfer, die jährlich in der Erntezeit an der Sortieranlage stehen und beispielsweise Marillen einsortieren, oder jene, die als Staplerfahrerinnen und –fahrer kurzzeitig beschäftigt werden können. Oder die Hausfrau, die in der Genossenschaft einen Nebenjob findet, weil auch die Verpackungs- und Verwaltungsräume gesäubert werden müssen. Fällt die Ernte geringer aus, beispielsweise durch starke Unwetter wie Hagel oder Sturm verursacht oder durch Frost, dann wird es auch den Genossenschaften nicht mehr möglich sein, so viele Männer und Frauen, Jugendliche und ältere Menschen zu beschäftigen wie dies in Jahren der Fall ist, in denen eine Normal- bzw. sogar eine Rekordernte eingefahren werden kann.

Schaut man sich das Ganze genauer an, so merkt man gleich, dass von Schäden in der Landwirtschaft noch ganz andere Wirtschaftszweige im Land betroffen sind. Gibt es wenig zu ernten, so wird der Landwirt auch nur wenige Erntehelferinnen und –helfer brauchen, die für diese Zeit eine Beschäftigung bekommen. Wiederum muss er weniger aus dem Handel einkaufen, um seine Erntehelfer zu versorgen bzw. er gibt weniger aus, damit diese im nahegelegenen Gasthaus zu Mittag oder zu Abend essen können. Auch wird der Landwirt sein neues Wirtschaftsgebäude möglicherweise nicht neu bauen können, weil durch die Unwetterschäden die Ausgaben des Jahres die Einnahmen um einiges überstiegen haben, und er nicht das Geld für den Neubau hat. Der Bauunternehmer, der Tischler, der Maler, der Zimmermann und der Maurer werden im kommenden Jahr diesen Auftrag nicht ausführen können.

Dass die Bauernfamilie dann irgendwann überlegt, die Landwirtschaft aufzugeben, und einem 40-Stunden-Job nachzugehen, bei dem man sicher sein kann, am Ende des Monats immer einen gewissen Lohn am Konto liegen zu haben, ist da nicht verwunderlich.
Manuel Gruber

Und wiederholen sich die Unwetterschäden über Jahre, so wird das Bild immer düsterer: Die Bauernfamilie gibt weiter viel Geld aus, um die landwirtschaftlichen Anlagen zu bewirtschaften, gleichzeitig führen die Unwetterschäden dazu, dass die Einnahmen trotz der Versicherungsauszahlungen über Jahre weit unter den Ausgaben bleiben. Dass die Bauernfamilie dann irgendwann überlegt, die Landwirtschaft aufzugeben, und einem 40-Stunden-Job nachzugehen, bei dem man sicher sein kann, am Ende des Monats immer einen gewissen Lohn am Konto liegen zu haben, ist da nicht verwunderlich. Was das für unsere Kulturlandschaft, um die uns immer mehr aus der ganzen Welt beneiden, bedeutet, ist klar: Die einzigartige Kulturlandschaft geht verloren, die Gäste bleiben aus und auch die anderen Wirtschaftsbereiche werden sich schon bald fragen, wie es dazu kommen konnte?

Werden wir uns also dieser Zusammenhänge bewusst: die Landwirtschaft, der Tourismus, der Handel, das Handwerk, das Baugewerbe und letztlich das soziale Überleben von zigtausenden Familien hängen zusammen und alle sind gleich wichtig in diesem Wechselspiel. Informieren wir uns über die zentralen Zusammenhänge, kaufen regional ein, auch wenn diese Produkte nicht am billigsten im Regal sind, und lernen wieder mit dem zufrieden zu sein, was wir haben. Im Wechselspiel aller Akteure ist Südtirol nämlich ein blühendes Land, in dem sehr gute Produkte mit Qualität und Herz hergestellt werden – egal ob in der Landwirtschaft oder in den anderen Wirtschaftsbereichen.

Gastbeitrag von Manuel Gruber

Redaktion Blauer Schurz Redaktion Blauer Schurz
Wir wollen Landwirtschaft miteinander leben. Dazu gehört auch, dass jeder seine Meinung äußern kann. Wenn du möchtest, kannst du einen Gastbeitrag einreichen und deine Sicht auf die Dinge darstellen.