Wie viel Ausbildung verträgt die Landwirtschaft?

„Tata, i moch die Laimburg, nor hon i noch drei Johr an Schualobschluss und konn dornoch in Hof übernehmen.“ So lautete mein Vorsatz in der dritten Mittelschule. Nach erfolgreichen Abschluss der Fachschule Laimburg entschloss ich mich, doch noch weiter die Schulbank zu drücken und besuchte das 4. und 5. Schuljahr an der Oberschule für Landwirtschaft in Auer. Die Matura zu machen, dachte ich, wäre nie falsch, denn man wisse schließlich nicht, was die Zukunft bringt. Und schlussendlich wurde aus diesen beiden Grundausbildungen ein sechsjähriges Universitätsstudium an der Universität für Bodenkultur in Wien.

Wieso muss so ein Bauernbub studieren? Das braucht’s doch alles nicht. Der soll besser für uns arbeiten, denn Bauer machen kann er immer noch nebenbei.

Als ich mich mit 19 Jahren dazu entschloss, die für mich schönste Stadt überhaupt zu erobern, wurde ich in meinem Tun nicht nur bekräftigt und gratuliert, sondern belächelt, ja manchmal fielen im in meinem Heimatdorf sogar abfällige Bemerkungen, wie z.B. „Wieso muss so ein Bauernbub studieren? Das braucht’s doch alles nicht. Der soll besser für uns arbeiten, denn Bauer machen kann er immer noch nebenbei.“

Als Bauernbub an einer Land- und Forstwirtschaftlichen Universität hat man es nicht immer einfach: Man muss sich zuerst einmal zurechtfinden und manches Mal stellt man sich durchaus die Frage, was für einen Sinn ein Universitätsabschluss in der Landwirtschaft macht und ob man überhaupt noch etwas dazulernen kann, zumal ich den Großteil des Lehrinhaltes bereits in der Schule gehört hatte.
Nun, aus rein fachlicher Sicht mag es sein, dass ein Universitätsstudium zwar manchmal eine Wiederholung, aber vielfach eine Vertiefung des bereits erworbenen Wissens ist. Des Weiteren kann man auch sehr vieles Neues dazu lernen. Mit Hilfe und Unterstützung der richtigen Professoren und Studienkolleg/Innen kann selbst ein Bauernbub mit seinem Obst- und Weinbauwissen etwas dazu lernen und sich früher oder später auch im Bereich Tierzucht und Ackerbau auch etwas auskennen. Jeder Student und jede Studentin wird dazu ermutigt, über seinen eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und nicht nur die vorhandenen Hektar und Erträge des eigenen Betriebes zu sehen. Ein Studium gewährt einen Einblick andere Modelle der Landwirtschaft und schafft ein besonderes Bewusstsein für das, was er/sie später einmal produzieren, bzw. bewirtschaften wird.

Man lernt außerdem, wie Standeskolleg/Innen in anderen Ländern arbeiten, kann sich einiges abschauen, Tipps einholen und vielleicht etwas zu Hause im eigenen Betrieb umsetzen.
Ein Universitätsstudium ist nicht nur das blanke erlernen von Theorie aus dem landwirtschaftlichen Bereich. Im Gegenteil, es ist auch das Erlernen verschiedener Strategien im Bereich Produktion, Vermarktung, Vertrieb usw. An der Universität findet man auf Fragen Lösungen verschiedenster Art: Wie verkaufe ich am besten meine Produkte?, Welche Möglichkeiten habe ich meinen Betrieb zu präsentieren?, Wie positioniere ich meinen Betrieb auf dem globalisierten Markt?, Was hebt mich von anderen Betrieben ab?, usw.

Landwirt/in sein bedeutet heute, sich in einer gläsernen Vitrine zu befinden, in welche jeder hinein schauen kann, auf dem jeder mit dem Finger zeigen kann.

Ich bin der Überzeugung, dass ein Landwirt/eine Landwirtin heute viel mehr als nur der Bewirtschafter seines seines Grund und Bodens ist. Ein/e LandwirtIn vereint heute alle Berufsgruppen: Ein/Sie ist ProduzentIn und DienstleisterIn, VerkäuferIn und BeraterIn für die Kunden. Auch gilt es, sich vor Ämtern und Verbänden zu behaupten sowie sich vor allem der kritischen Gesellschaft gegenüber zu rechtfertigen. Landwirt/in sein bedeutet heute, sich in einer gläsernen Vitrine zu befinden, in welche jeder hinein schauen kann, auf dem jeder mit dem Finger zeigen kann.
Neben dem Wissen erfährt man als Universitätsstudent/in auch eine persönliche Entwicklung, welche eine/n sein ganzes Leben lang prägen wird. Egal ob sich die Universität in Bozen, Bologna, München, Padua oder Wien befindet, der Bauernbub/Mädl wird durch einen Aufenthalt im Ausland zu einem weltoffenen Menschen, lernt sich durchzusetzen und zu öffnen und kann sich somit nicht mehr hinter seiner/ihrer ländlichen Kleinkariertheit verstecken. Man flechtet ein Netzwerk an Kontakten welche für die Zukunft nützlich sein werden, auch wenn man zurück auf den elterlichen Hof geht und den Betrieb übernimmt.

Vor allem geht es aber darum, nicht stehen zu bleiben, sondern sich neues Wissen anzueignen und Netzwerke mit anderen Jungbauern und Jungbäuerinnen zu knüpfen.

Meiner Meinung nach ist eine universitäre Ausbildung heutzutage nicht mehr ausschließlich die Eintrittspforte in den öffentlichen Dienst, sondern vielmehr eine Wissenserweiterung für den eigenen Betrieb. Eine solide landwirtschaftliche Grundausbildung ist heute von essentieller Wichtigkeit und dazu sollte in Zukunft auch ein Studium an einer Universität dazu gehören. Es geht nicht darum, ob man morgen mit Herr/Frau Doktor, oder Herr/Frau Dipl. Ing. oder sonst einem Titel angesprochen wird, es geht vielmehr darum welches Wissen man erlangt hat und wie man dieses nutzen kann. Vor allem geht es aber darum, nicht stehen zu bleiben, sondern sich neues Wissen anzueignen und Netzwerke mit anderen Jungbauern und Jungbäuerinnen zu knüpfen. Ein Studium ist auch dazu da, kritisch zu hinterfragen ob die Informationen richtig sind, oder ob es einen anderen Lösungsansatz geben könnte. Es geht darum, sich seine eigene Meinung zu bilden und diese auch kundzutun und nicht der Meinung anderer hinterher zu laufen.

Von meiner Seite aus kann ich nur jeder und jedem potentiellen Hofübernehmer raten, eine universitäre Ausbildung zu beginnen. Man sieht den eigenen Betrieb, aber auch die landwirtschaftliche Produktion nach Abschluss der Ausbildung aus einem ganz anderem Blickwinkel und bringt viele neue Ideen mit, die es im eigenen Betrieb umzusetzen gilt.
Und wie hat bereits der englische Philosoph Francis Bacon gesagt: „Wissen ist Macht“ und wie heißt es im Kinofilm „The Circle“: „Etwas zu wissen ist gut, alles zu wissen ist besser!“

Der Autor dieses Beitrages ist ein Südtiroler Jungbauer, der gerne von seinen Erfahrungen berichtet, aber anonym bleiben möchte.

Redaktion Blauer Schurz Redaktion Blauer Schurz

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