Starke Hände für steile Hänge

Beharrlich und mit viel Freude bewirtschaften die prämierten Jungbergbauern Werner und Stefanie Mitterrutzner den Ausserranzurerhof.  Dies zeigt ein Besuch der „Dolomiten“ bei der Familie in Latzfons.

Obwohl die Arbeit auf dem Ausserranzurerhof beschwerlich ist und nie ausgeht, machen die Jungbauern Werner (33) und Stefanie Mitterrutzner (32) einen überaus ausgeglichenen und zufriedenen Eindruck. Die Auszeichnung mit dem diesjährigen Jungbergbauernpreis empfinden sie als besondere Anerkennung für die geleistete Arbeit.

„Hier bin ich aufgewachsen, hier fühle ich mich wohl und hier versuche ich alles so gut wie möglich in Schuss zu halten“, sagt Werner Mitterrutzner, der 33 Jahre alte Jungbauer vom Ausserranzurerhof auf 1200 Meter Meereshöhe.

Die Hänge sind so steil, dass sie sich fast ausschließlich nur mit der Hand bearbeiten lassen, die Milch wird täglich mit einer Materialseilbahn geliefert, die Lage zwischen Latzfons und Kaseregg ist versteckt. Die 122 Erschwernispunkte (von 150 möglichen) in der Höfekartei lassen die Tücken des Geländes erahnen. Abschrecken lassen sich die beiden Jungbauern von diesen widrigen Bedingungen nicht, im Gegenteil: Sie holen das Maximum aus dem Gehöft heraus, vereinen dabei Lebensfreude mit Beharrlichkeit und einer ordentlichen Portion Geschicklichkeit. Der beste Beleg dafür ist die 2014 fertiggestellte Hofstelle, die von Werner mit vielen Finessen geplant wurde und folgerichtig auch immer wieder bei Führungen bestaunt wird. „Oft habe ich gehört, hier sei es unmöglich, eine ordentliche Hofstelle zu bauen, aber ich habe es mir trotzdem in den Kopf gesetzt“, meint Werner verschmitzt, während er durch die Stallungen führt. Im Oktober 2012 hat er den Hof von seinem Vater übernommen, 2 Monate später rutschte nach tagelangen Regenfällen ein Teil eines aufgeweichten Hangs weg. Das durchkreuzte die Erneuerungspläne, bremste die Mitterrutzners jedoch nicht in ihrem Tatendrang. Gezeigt hat diese Episode auch, wie schnell Bauernhöfe in derart exponierten Lagen unbewohnbar werden könnten, denn die Natur zeigt sich hier vermehrt als Wildnis.

Das ist nun schon einige Zeit her. Heute zeigt Werner nicht ohne Stolz seinen ausgeklügelten Neubau mit der vollautomatischen Melkanlage, den Futterlagerräumen mitsamt Heukran sowie den Laufstallmit Aussicht. 12 Kühe und 7 Kälber genießen hier „Wellness für Kühe“, wie es mal ein Besucher formuliert hat. Das Jüngste ist erst vor wenigen Stunden zur Welt gekommen, mit großen Augen blickt es verdattert aus seiner Box. Es ist wohlauf, von stattlicher Größe und hat bereits einen Namen: Gary. Gemolken wird 2 Mal pro Tag, die frische Milch wird in einem Tank mit der Materialseilbahn ein Stück weit nach unten transportiert und dort täglich um halb 8 Uhr von einem Milchwagen der Brixner Milchgenossenschaft Brimi abgeholt. „Gutes Futter ist für die Milchqualität entscheidend“, weiß Werner, und die attestierte Qualität seiner Milch gibt ihm Recht. Um 5 Uhr morgens geht es für ihn aus den Federn und direkt in den Stall, danach gibt es auf dem Feld oder im Wald zu tun. 20 Hektar Wald und 7 Hektar Wiese gehören zum Ausserranzurerhof, laufend heißt es Wege und Leitungen instand halten, Holz schlägern, Reparaturen durchführen und schauen, dass wie bei einem präzisen Uhrwerk jedes Teilchen ins andere greift. Werners kräftige, zerklüftete Hände sprechen Bände. Natürlich begreift er sich auch als Landschaftspfleger, durchforstet den Wald und stellt besonders schöne, aber arbeitsintensiv geflochtene Spaltzäune auf.

„Solange man durch Auszeichnungen wie diese spürt, dass die Bevölkerung unsere Arbeit auch tatsächlich zu schätzen weiß, kann es mit der Berglandwirtschaft und der Landschaftspflege auch funktionieren“, gibt Werner zu bedenken.

Und Stefanie pflichtet ihm bei: „Oft wird der Wert dieser Arbeit leider nicht mehr erkannt, dabei müsste man sich nur die verlassenen Höfe und verwahrlosten Bergdörfer in benachbarten Regionen anschauen.“ Mit dem Ertrag von rund 8800 Liter Milch pro Kuh jährlich und den Erlösen aus der Tierzucht allein käme man nicht über die Runden, also ist die Familie Mitterrutzner auf einen Zuverdienst angewiesen. Und so geht Werner, der gelernte Tischler, beim Latzfonser Rodelbauer Torggler einem Zweitjob nach. Je länger man mit den beiden Jungbauern spricht, desto deutlicher wird, dass es von früh bis spät in die Nacht zu organisieren, werkeln und schuften gibt. Dennoch kommt ihnen kein Wort des Jammerns über die Lippen. Urlaub im konventionellen Sinn gibt es keinen, stattdessen einige Tage zum Ausspannen im August auf der etwas höher gelegenen Almhütte. Selbst da muss noch das Vieh versorgt werden. Pardon, darf das geliebte Vieh versorgt werden.

Seit nunmehr 17 Jahren teilen Werner und Stefanie die Liebe zu den Tieren und die Passion für das bäuerliche Dasein – so lange sind sie bereits ein Paar. Ihre beiden Kinder Jonas (4) und Lena (eineinhalb Jahre) bereichern nun seit geraumer Zeit ihr Leben, 2016 haben sie geheiratet. Die beiden quirligen Blondschopfe wachsen behütet im Einklang mit der Natur auf. Die Wohnung der Mitterrutzners ist zwar modern eingerichtet, aber für die junge Familie viel zu klein. Doch im unteren Stock leben Werners Eltern Mathilde und Alois sowie Bruder Stefan. Sie alle helfen überall mit und schauen nach dem Rechten, auch die 3 Schwestern von Werner sind ab und zu bei der Heuarbeit zugegen. Trotz all der Pflichten muss auch Zeit für Geselligkeit sein. In derart vielen Verbänden und Vereinen war bzw. ist Werner tätig, dass er selbst nachlesen muss: Kirchenchor Latzfons, örtliche Bauernjugend, Südtiroler Mäherteam, Latzfonser Goaßlschnöller, Jungzüchterclub Eisacktal, Eisacktaler Ziegenzüchterverein und anderes mehr. Natürlich frönt er auch dem Latzfonser „Nationalsport“, dem Naturbahnrodeln. Als Züchter hat er bereits einige Erfolge vorzuweisen, wie die Plaketten auf dem Hof unterstreichen. Stefanie, die aus Schnauders stammt und die Handelsoberschule abgeschlossen hat, besuchte indessen einen Brotbackkurs, einen Käsekurs und einen Trachtennähkurs. Je länger man ihnen zuhört, desto klarer wird: Es gibt nichts, das nicht gehen würde – auf dem besonders steilen Gelände des Ausserranzurerhofs.

Ein Gastbeitrag von Alexander Zingerle, erschienen in den „Dolomiten“ vom 10. März 2018.


Hier noch das Video, das die Familie vorstellt:

 

Redaktion Blauer Schurz Redaktion Blauer Schurz
Wir wollen Landwirtschaft miteinander leben. Dazu gehört auch, dass jeder seine Meinung äußern kann. Wenn du möchtest, kannst du einen Gastbeitrag einreichen und deine Sicht auf die Dinge darstellen.