Ich wünsche es Markus, Du auch?

Tick, tack knallt es in unregelmäßigen Abständen zu Boden. Fast so, als würde das Wetter seine eigene Symphonie spielen. Nur, dass es keine Symphonie mit harmonischen Klängen ist, sondern wohl eher an ein Konzert des Grauens erinnert. Ein Konzert das einem im Gedächtnis bleibt, aber niemand ein zweites Mal live hören möchte. Dabei kann sich Niemand dem schaurigen Schauspiel entziehen, wenn der Himmel steinharte Eiskugeln fallen lässt, schon gar nicht die Natur selbst. Treffen die Hagelkörner auf harten Untergrund, zerschellen sie nicht selten in viele kleine Einzelteile. Doch bei den verletzlichen kleinen Äpfeln, Weintrauben oder anderen Kulturpflanzen hat der Schwächere keine Chance. Dabei entscheiden wenige Minuten, wenn nicht wenige Sekunden darüber, wie die Ernte dieses Jahr aussieht.

Das beste Jahr aller Zeiten…
Neben dem finanziellen Schaden, kratzt dies – nennen wir den betroffenen Jungbauer Markus – auch an seiner Motivation. Der tröstende Zuruf von Bekannten, dass man (hoffentlich) versichert ist, spielt für Markus in diesem Moment eine schier bedeutungslose Rolle.
Dabei hat alles zu Beginn des Frühlings so gut angefangen. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die die zarten Blüten seiner stolzen Apfelbäumchen zum Leuchten bringen, ist auch Markus bestrebt seinen Schützlingen nur das Beste zu bieten. Markus steht am Anfang des Jahres, voller Zuversicht, dass dieses Jahr das beste Jahr aller Zeiten wird. Mit dieser Motivation und dieser Einstellung ist er einer von rund 7.300 Obstbauern, die es mit viel Herz und Können täglich in ihre Obstwiese zieht. Nicht nur bei Tag, sondern im Frühjahr manchmal auch bei Nacht, wenn die Temperatur plötzlich schlagartig fällt und Frostalarm ist. Auch da denkt Markus in erster Linie an seine kleinen Schützlinge und an sein großes Ziel: An das beste Jahr aller Zeiten! Immer wieder spornt ihn dieser Gedanke an, der ihn auch nach langen, arbeitsreichen Tagen nicht müde werden lässt.

Ein Konzert des Grauens kündigt sich an
Dann kommt der Frühsommer und mit ihm auch stets ein Wechselbad der Gefühle. Oft zwischen hoffen und bangen, wenn sich ein Sommergewitter ankündigt und Markus wieder kritisch die Wolken beobachtet, wie sie hoch oben zusammenziehen.
Betrachten wir dieses Schauspiel mal ganz nüchtern, ohne jegliche Emotionen, ist es so: Wenn in großen Höhen (rund 10 km) sehr niedrige Temperaturen herrschen, dann können statt der Tröpfchen auch Eiskristalle entstehen. Aufgrund der Schwerkraft fallen sie nach unten und auf diesem Weg sammeln sich weitere, feine Wassertröpfchen an den Eiskristallen an. Aufwinde innerhalb der Gewitterzone treiben diese Eiskörner nach oben, wieder in höhere Luftschichten, wo das angelagerte Wasser ebenfalls gefriert. Eine kleine Kugel aus Eis ist entstanden. Dieser Vorgang kann sich mehrere Male wiederholen. Jedes Mal wächst so ein Eiskügelchen weiter an, weil sich immer wieder Wasser anlagert und ebenfalls gefriert. Irgendwann werden die Aufwinde schwächer oder die Hagelkörner werden zu schwer, um weiter nach oben getragen zu werden. Die Hagelkörner fallen nun nach unten auf die Erde.
Und damit wären wir wieder bei Markus, der in diesem Moment ein Wechselbad der Gefühle durchlebt. Wütend blickt er aus dem Fenster der Küche nach oben, dann einfach nur traurig und hilflos auf den Boden. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als diesem minutenlangen Konzert des Grauens zuzuschauen und zu hoffen, dass nicht alles so schlimm ist, wie es sich in diesem Moment anfühlt. Ob er Recht behält? Ich wünsche es Markus, Du auch?

Gastbeitrag von Andreas Mair

Redaktion Blauer Schurz Redaktion Blauer Schurz
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